Interview mit Giulia Enders

„Früher hätte ich nie auf öffentliche Toiletten gehen können“

Giulia Enders ist 24 und hat eine ganz besondere Leidenschaft: Den Darm. Die junge Medizinerin hat bereits im Jahr 2012 beim „Science Slam“ und im März dieses Jahres mit ihrem Buch „Darm mit Charme“ mit ihrer frischen und unverstellten Art ein breites Publikum mitgerissen. Enders spricht dabei so anschaulich und amüsant über das „unterschätzte Organ“, dass sowohl die „Ärztezeitung“ als auch Markus Lanz auf sie aufmerksam geworden sind.
studiCED sprach mit Giulia über ihr Wissen zu chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, persönliche Betroffenheit und ihren peinlichsten Darmmoment.

studiCED: Hallo Giulia, hast du dich schon mal mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) beschäftigt?

Giulia: Ja, ich hatte im Studium damit zu tun und war letztes Jahr auf einem Arzt-Patienten-Seminar in Zürich. Aber ich bin kein Experte für CED, ich habe meinen Facharzt in Gastroenterologie ja noch nicht. Ich würde es deshalb überheblich finden, dazu große Tipps zu geben. Ich kann sagen, dass ich mit meiner Hautkrankheit die Erfahrung gemacht habe, dass es manchmal auch gut sein kann, wenn man selbst herumexperimentiert, bis man etwas findet, was einem gut tut.

Warum willst du ausgerechnet Gastroenterologien werden?

Wenn man sich für ein Fachgebiet entscheidet, muss man sich drei Sachen fragen: Mag ich die Arbeitsbedingungen? Mag ich das Organ? Und vor allem: Mag ich die Patienten? Und beim Darm hab‘ ich zum Beispiel das Gefühl, dass ich mit den Patienten besonders gut klarkomme. Ich mag CED-Patienten sehr gern. Die Patienten sind wahnsinnig tapfer und müssen sehr viel aushalten. Die Reizdarmpatienten mag ich auch sehr – und das ist nicht unbedingt bei vielen Gastroenterologen der Fall.

Ist, abseits deiner Arbeit als Medizinerin, auch jemand in deinem Freundeskreis betroffen?

Ja, einer meiner besten Freunde hat Colitis ulcerosa. Er hat viel charakterliche Stärke. Aber man muss auch nicht immer so stark sein.

Hast du bei deinem Kumpel auch mal heftige Entzündungsreaktionen erlebt?

Ja, er hatte einen heftigen Dauerschub und musste ein Jahr lang sehr viel Prednisolon nehmen. Er hat es wirklich standfest ausgestanden, und ich konnte danach einiges besser verstehen. Seitdem er glutenfrei isst, geht es ihm besser. Ich hatte ihm zum Herumexperimentieren geraten, und jetzt freut mich, dass die letzten Wirkungen des Cortisol langsam aus seinem Gesicht verschwinden.

Wie sollen diese Experimente genau aussehen? Sowas kann ja auch gefährlich sein.

Ja, man sollte keine Billigexperimente machen, es darf nichts sein, was schaden kann. Es kann zum Beispiel Mutaflor und Weihrauch ausprobiert werden. Ich bin sehr für Experimente, bei meiner Neurodermitis hat mir das auch geholfen.

Mit deinem Buch hast du ja ein weit verbreitetes Tabu gebrochen. Auch CEDler schämen sich ja oft sehr wegen der Durchfälle und dem Thema Darm an sich. Wie können sie es schaffen, so tapfer und mutig zu sein wie du?

Als ich mein Buch geschrieben habe, habe ich auch an die Leute mit CED gedacht. Ich wollte das Thema generell von einer positiven Seite betrachten und dafür sorgen, dass man viel unbeschwerter darüber reden kann. Ich wollte eine andere Perspektive miteinbeziehen, damit die Leute es besser verstehen wenn einer sagt: Ach, das kann ich nicht essen.

Das ist dir gelungen!

Danke. Aber das heißt nicht, dass ich keine Tabus kenne. Über Genitalien kann ich zum Beispiel nicht so gut reden.

Und wie sollen CEDler über ihre Krankheit sprechen?

Erstens denke ich: Wenn man sich schämt und unsicher ist, strahlt man das auch auf seine Umgebung aus. Wenn andere aber merken, dass man sich nicht dafür schämt, kann man besser darüber reden und so anderen zeigen, dass so eine Krankheit nichts Schlimmes ist.
Zweitens helfen Fakten. Bei Morbus Crohn würde ich zum Beispiel sagen: Ich bilde vermutlich zu wenig Schleimstoffe, deshalb ist mein Darm so empfindlich. Wenn das einen „Sendung mit der Maus-Charakter hat“, und die anderen was dazu gelernt haben, wenn das Thema so neutral und unschuldig bleibt, wie es tatsächlich ist, dann sollte es klappen, besser darüber zu sprechen.

Du schreibst gerade deine Doktorarbeit am Institut für Mikrobiologie der Goethe-Universität in Frankfurt. Womit beschäftigst du dich?

Ich betreibe Grundlagenforschung. Dabei erforsche ich, wie bestimmte Bakterien sich an Zellen festhalten und wie man sie daran hindern kann.

Wie hat sich dein Leben seit deinem Erfolg mit dem Buch und dem Science-Slam verändert?

Es kommen viele Fragen zum Darm, ich mag das gern. Und auch wenn ich nicht alles weiß, dann schlage ich es nach. Früher hätte ich nie auf öffentliche Toiletten gehen können – jetzt ist das anders.

Warum nicht?

Heute weiß ich, was der innere und äußere Schließmuskel machen. Der innere kann zwar nicht willentlich gesteuert werden, aber der äußere schon. Der innere meint es ja nur gut mit uns. Er will nämlich nur, dass rauskommt, was raus muss. Seitdem ich mich damit beschäftige, ist es mir nicht mehr peinlich, wenn ich irgendwo bin und aufs Klo muss. Jetzt weiß ich: Das läuft hier alles nur für mich ab – gut so.

Hat sich noch etwas verändert?

Ja, meine Ernährung. Seitdem ich keine glutenhaltigen Sachen und keine Milchprodukte mehr esse, habe ich eine prima Stuhlkonsistenz und auch kaum mehr unangenehme Gerüche. So einen Effekt hätte ich gar nicht erwartet.

Zum Schluss: Was war dein peinlichster Darmmoment?

Da gibt es natürlich viele kleine Sachen, wie zum Beispiel laut pupsen. Am schlimmsten war aber, als ich mich bei meiner Gastfamilie in den USA auf ein Plumpsklo setzen musste. Wir waren campen, dass Ding war mit Stoff bezogen und ich fand es einfach sehr befremdlich. Ich konnte eine Woche lang nicht aufs Klo und war am Ende schon beinahe merkwürdig gelb im Gesicht.

Danke für das Gespräch! Für Menschen mit einer CED hast du es durch dein Engagement für den Darm jetzt schon leichter gemacht, über ihre Krankheit zu sprechen.

Gerne. Ich weiß auch noch nicht alles, aber wenn der Darm ein Zugpferd mehr haben kann – dann bin ich gerne dabei.

Interview: Sabrina
Foto: Gerald von Foris

 

2 Gedanken zu „Interview mit Giulia Enders“

  1. Hallo, ich bin 25 Jahre, bin CED-Patientin und habe das „Darm mit Charme – Buch während meines Schubs vor ca 2 monaten gelesen,das Buch ist genial! es motiviert,man ist ständig am Lachen,weil der Darm von Giulia total witzig u goldig erklärt wird. Durch die Erkrankung (aus meiner Erfahrung) eckelt man sich als Patient ein bisschen davor – mittlerweile ist mein Darm mein bester Kumpel,der gluckst u gurrt wenn es ihm gut geht. Auch ich habe 3 Wochen vieel herumexperementiert und bin darauf auf super interessante Sachen gestoßen:)) radikal kein Zucker gegessen war nicht nur gut fürs Brain sondern der Darm hat das auch sehr genossen – mitten im Hardcoreschub waren sogar Hamburger (natürlich mit gesunden Zutaten und Semmelbrösel im Hack,dass das Ganze nicht zu fettig ist) möglich :)) – Fett konnte der Darm im Schub gar nicht ab er liebte Vollkorntoast,Kartoffeln,Kresse,Blaubeeren (TOP – Entzündungshemmer:)Naturjoghurt mit vielen schnuckeligen Darmbackterien – mein Tipp: einfach Ausprobieren 🙂 dazu ein bisschen Cort.natürlich Weihrauch (ich schwöre darauf) und Entspannungstraining,gute Freunde und gutes Zureden auf die Organe;) und siehe da – unser Körper ist ein kleines Wunder! :)) auch wenn man es nicht für möglich hält,er hat die Gabe sich zu „reparieren“, wenn man ihm denn die Möglichkeit dazu gibt,meine Leber und Milz hat die ganze Aktion gar nicht gefallen,aber die Kerlchen haben sich wieder beruihgt,ab und zu ein Zwicken und Zwacken – aber sowas steckt man dann locker weg..und Ja CED – Patienten brauchen ne Menge Geduld ..und jeder Körper & Mensch ist ganz individuell 🙂 jeder der das liest und bei dem der Darm „Mätzchen“ macht, hört auf euern Körper, auf euer Herz & eure Seele – macht Dinge in eurerFreizeit,die euch Spaß machen – behandelt eueren Körper wie ein Geschenk – er wird es euch danken – und „glaubt“ an Wunder! – ich habe es auch getan:)
    Ganz herzlichst, eine Krankenschwester;)

  2. Gibt es eine Möglichkeit Guilia Enders zu kontaktieren?

    Ich habe gelesen, das sie sich mit Bakterien im Darm beschäftigt.

    Ich habe seit 30 Jahren Morbus Crohn. Auch wenn ich in Remission bin habe ich immer Durchfall. Ich habe beobachtet, wenn ich wegen eines Infektes Antibiotika nehme, das der Durchfall komplett weg ist.
    Vielen Ärzten habe ich das schon geschildert, aber keiner geht dem nach…
    Ich könnte mir viel Imodium (Loperamid) sparen, wenn ich jemand finde, der sich dieser Sache mal annimmt Der Durchfall hat doch eindeutig mit Bakterien zu tun.

    Ich empfinde das sehr lästig immer Durchfall zuhaben…

    Liebe Grüße Sabine Schaub

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