Doktor Du – Das Interview mit Dr. Johannes Wimmer

Doktor Du

Er ist Deutschlands bekanntester Arzt im Internet, seine Videos werden bei Facebook und Youtube millionenfach angeklickt. Er ist setzt sich für verbesserte Patientenkommunikation ein und möchte im Interview geduzt werden – Doktor du. Dr. Johannes Wimmer ist ein nahbarer Arzt, 34 Jahre alt und praktiziert derzeit in einem Hamburger Krankenhaus. Mit studiCED hat er über CED-Patienten in der Notaufnahme, den Unterschied zwischen Durchfall und CED gesprochen – und erklärt, ob er Medizin jetzt sexy macht.

studiCED: Du hast ja eine Sendung im NDR, wo du Krankheiten verständlich erklärst. Wie erklärst du denn in einfachen Worten, was eine CED (chronisch-entzündliche Darmerkrankung) ist?

Dr. Johannes Wimmer: Bei einer CED richten sich die körpereigenen Abwehrkräfte gegen den Patienten. Diese Abwehrkräfte haben sich als Ort dafür den Darm ausgesucht. Dort läuft dann eine Entzündung ab, die für große Probleme sorgt und die man dann eben auch spürt. Die Krankheit kann man lindern, heilen geht aber noch nicht. Also muss man irgendwie lernen, das Köfferchen zu tragen.

Wie geht das am besten?

Wichtig ist, einen Arzt zu finden der zu einem passt – und sich selbst nicht Patient, sondern Betroffenen zu nennen. Dazu kommen natürlich noch die klassischen Vorbeugemaßnahmen: Ernährung, Ausdauersport, Stressreduktion usw.

In einem Interview wurdest du gefragt, welchen Satz du in der Notaufnahme am häufigsten gehört hast. Du meintest: „Ich hab Durchfall.“ Wie unterscheidest du so jemanden von einem CED-Patienten?

Der klassische Durchfallpatient kann meist ein singuläres Ereignis benennen – und nun geht’s ihm schlecht. Der CED-Patient sagt: „Ich habe diesen Durchfall immer wieder, schon seit Jahren. Egal was ich esse, der Schmerz ist immer gleich, es gibt ein Druckgefühl und nachdem ich auf dem Klo war hab’ ich das Gefühl, das war noch nicht alles.“

Was hast du in der Notaufnahme, in der du jahrelang gearbeitet hast, mit CED-Patienten erlebt?

Das ist oft relativ junge Menschen, die sehr differenziert sind, sich gut artikulieren können und mit denen man gut zusammenarbeiten kann. Sie kennen ihren Bauch unglaublich gut und kommen mit starken Bauchschmerzen – und oft mit Angehörigen, die sie nicht verstehen. Da hilft es oft, denen die CED aus ärztlicher Sicht zu erklären, und klarzumachen, dass das keine Menschen sind, die sich „einfach anstellen“.

Das ist ja erschreckend, dass manchen Angehörigen noch in der Notaufnahme das Verständnis fehlt. Was spielt sich da ab?

Ein typischer Fall ist ein 60-jähriger Vater, der mit seiner 25-jährigen Tochter in die Notaufnahme kommt. Da musste ich dann oft erklären, dass die Bauchschmerzen jetzt keine Disziplinlosigkeit oder Schwäche sind, sondern dass hier wirklich ein Problem vorliegt. Das ist erschreckend, aber es passiert. Und die Patienten leiden natürlich darunter, dass sie nicht ernstgenommen werden.

Verständlich. Wie können CED-Patienten denn mehr Verständnis für Ihre Situation bekommen?

Man schreibt einen kleinen Text den man ausdruckt, anstatt sich zu rechtfertigen: „Versetz’ dich doch jetzt mal in meine Lage, wäre dir das dann nicht peinlich wie du gerade reagierst?“ So können sich die anderen besser in eine CED reinfühlen. Und für Angehörige gibt es noch mein Video „Stuhlnotfall“ (Link)

Wie kam es denn zu deiner Bekanntheit als „Dr. Youtube“?

Ich komme aus keiner Ärztefamilie und hatte im Medizinstudium anfangs Probleme, Zusammenhänge zu verstehen. Erst nach und nach habe ich verstanden: Das und das musst du wissen, um eine fundierte Entscheidung treffen zu können. Das wollte ich dann weitergeben, habe deshalb angefangen Videos zu machen und dann hörte es nicht mehr auf (lacht).

Der erste Arzt, der überhaupt populärwissenschaftlich bekannt wurde war ja Eckart von Hirschhausen. Was hältst du von ihm?

Ich kenne und schätze ihn sehr – aber er ist kein praktizierender Arzt, sondern eher Unterhalter, was ja auch total ok ist. Mir geht es aber darum, Wissen auf eine Art zu vermitteln, die Patienten wie eine Tablette einsetzen können.

Aber Geld verdienen möchtest du damit ja auch. In einem Interview über dich heißt es: Einige Kollegen rümpfen über seine Business-Idee die Nase, doch Wimmer spornt das eher an. „Da ist eine große Portion Arroganz dabei.“ Wie meinst du das?

Viele Ärzte denken, sie machen keine Fehler – aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das stimmt. Ich will, dass der Patient das bekommt wonach er sich sehnt, aber vielen werden ihre Optionen gar nicht erst aufgezeigt, weil ihr Arzt schon von vornherein für sie entschieden hat, was das Beste ist. Deshalb bin ich auch für das Modell der erfolgsbasierten Vergütung (100 Patienten, aber nur 20 Koloskopien weil nur 20 notwendig sind) anstatt für das Modell der leistungsorientieren Vergütungen (100 Patienten, deshalb auch 100 Koloskopien).

Hältst du die Telemedizin für ein Modell der Zukunft?

Auf jeden Fall! Wenn wir Synergien durchs Digitale schaffen, können wir Ärzte endlich wieder das machen was wir wollen: Schauen, welchen Weg wir zusammen mit dem Patienten gehen wollen. Ärzte können sich durch Telemedizin viel Papierkram ersparen – und Patienten den langen Weg zum Arzt und unnötige Wartezeiten.

Die Zeitschrift „Myself“ schreibt über dich: „Er wäre die Idealbesetzung für ein Remake der „Schwarzwaldklinik“: gutaussehend, dynamisch, kompetent.“ Machst du Medizin sexy?

Keine Ahnung. Ich weiß nur dass ich Medizin offen machen und Berührungsängste nehmen will. Ich möchte Patienten das Gefühl geben dass sie sagen können: „Ich traue mich meine Wünsche zu äußern und ich sage dem Arzt, was für eine Art von Behandlung ich will.“ Das ist ja auch besser für die Compliance: Wenn einer mitmacht, hält er Schübe vielleicht eher aus und hat die Geduld auf die Wirkung eines Medikaments zu warten, auch wenn es länger dauert.

Interview: Sabrina