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Die Lecithinbehandlung bei Colitis ulcerosa – das Butterbrot-Prinzip

Lecithin: der Türsteher im Dickdarm?!

Prof. Dr. med. Wolfgang Stremmel, Ärztlicher Direktor der Abteilung Innere Medizin IV des Universitätsklinikums in Heidelberg stellte den Teilnehmern des studiCED Bundestreffens in Mannheim im November 2014 seinen Behandlungsansatz mit Lecithin bei Colitis ulcerosa vor.

Dr. Stremmel erklärte zunächst einige Grundlagen: Die Darmschleimhaut (Mukosa) ist im gesunden Dickdarm wasserabweisend (hydrophob) – sie bedeckt und schützt den Darm wie etwa die Butter das Butterbrot: Die Schleimhaut bildet also eine Barriere im Darm. Sie ermöglicht dem Organismus, unerwünschte Substanzen oder Keime zurückzuhalten.

Dabei spielt Lecithin (die genauere chemische Bezeichnung ist Phosphatidylcholine) eine entscheidende Rolle: Lecithine zählen zu den Lipiden und sind Bestandteile der Zellmembran tierischer und pflanzlicher Lebewesen. Das Lipid sorgt dafür, dass die Darmschleimhaut ihre Schutzschicht aufrechterhalten kann. Lecithin wird teils über die Nahrung aufgenommen, teils im Körper selbst produziert und dann aktiv in den Darmschleim sezerniert. Das Lecithin bleibt allerdings nicht dauerhaft in der Darmschleimhaut, es wird durch Darmbakterien langsam abgebaut. Das führt dazu, dass die Menge des vorhandenen Lecithins im Dickdarm von „oben“ nach „unten“ in Richtung des Enddarms abnimmt, was zunächst auf alle Menschen (also auch die ohne eine CED) zutrifft.

Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass bei Menschen mit Colitis ulcerosa die Konzentration des Lecithins in der Darmschleimhaut um 70 Prozent niedriger ist als bei gesunden Menschen. Hier ist also die Barriere der Darmschleimhaut geschwächt und Bakterien können endringen – so kommt es zu der Entzündungsreaktion.

An dieser Stelle greift der Ansatz der Arbeitsgruppe um Dr. Stremmel [1]: Da zu wenig Lecithin in der Mukosa vorhanden ist, wird dieses durch zugeführtes Lecithin ergänzt. Der Behandlungsansatz besteht darin, Lecithin zum Beispiel in Form von Tabletten oder Granulat einzunehmen. Damit das Lecithin aber nicht schon in Magen und Dünndarm verdaut wird, muss das Lecithin so „verpackt“ werden, dass es erst im Dickdarm freigesetzt wird und dort zur Verfügung steht. Das gelingt durch Überziehen der Lecithin-Körner mit einem Polymer, das sich erst am Ende des Dünndarms auflöst und somit das Lecithin freisetzt. Das dafür geeignete Polymer ist chemisch gesehen ein Zwitter aus Plexiglas (Polymethylmethacrylat) und dem Nässe-Absorber aus Windeln (Polyacrylsäure).

Dr. Stremmel liefert mit seinem Ansatz auch eine neue Hypothese zur Entstehung der Colitis ulcerosa: Laut Dr. Stremmel wird die niedrige Lecithinkonzentration in der Darmschleimhaut durch einen gestörten Transportmechanismus in den Zellzwischenräumen (sogenannte „Tight Junctions“) hervorgerufen.

Erste Studien konnten bereits die Wirksamkeit der Lecithin-Therapie belegen, die Nebenwirkungen sind zudem sehr gering. Ein Medikament wird jedoch erst in einigen Jahren auf dem Markt kommen. Interessierte können sich jedoch über eine derzeit laufende Studie informieren [2].

Der Arbeitskreis studiCED bedankt sich bei Dr. Stremmel für den Besuch und den interessanten Vortrag.

[1] https://www.klinikum.uni-heidelberg.de/Lecithin-zur-Behandlung-chronisch-entzuendlicher-Darmerkrankungen.102390.0.html

[2] https://www.dccv.de/einzelne-studienaufrufe/studie-mit-phosphatidylcholin-lecithin-bei-aktiver-colitis-ulcerosa-072014/

 

von Christian und Sabrina

Bei den Mitgliedern von studiCED handelt es sich um medizinische Laien. Der Beitrag gibt damit den Informationsstand von Betroffenen wider, die keine Mediziner sind, sich aber mit der Thematik befasst haben.